{"id":73,"date":"2017-01-02T19:00:13","date_gmt":"2017-01-02T18:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/cambuch.de\/?p=73"},"modified":"2017-01-02T19:00:13","modified_gmt":"2017-01-02T18:00:13","slug":"1-3-die-jugend-die-lehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cambuch.de\/?p=73","title":{"rendered":"1.3 Die Jugend, Die Lehre"},"content":{"rendered":"<h2><b>Die Jugend, Die Lehre<\/b><\/h2>\n<p>Die Kollision mit der Macht, wieder mal:<\/p>\n<p>Wir gehen in das Jahr 1982 zur\u00fcck. Damals war ich leidenschaftlicher Mopedfahrer. Eine meiner Lieblingsbesch\u00e4ftigungen war es, am Freitag das Moped als F\u00f6n zu benutzen, bevor man zur Diskothek ging. Wir waren zu dieser Zeit jung und ausgelassen. Manchmal kam es zu Kollisionen mit den Erwachsenen, aber wer hat das nicht erlebt. Das ist normal im Reifeprozess eines Jugendlichen. Aus irgendeinem Grund gefielen mir die Farben rot und wei\u00df (sp\u00e4ter wird es rot und blau sein, dazu aber in einem anderen Kapitel.\u00a0Also begann ich mein Moped umzubauen. Eine Werbung fiel mir von einer Zigarettenmarke auf: \u201elet\u2019s go West\u201c. Diese war nat\u00fcrlich nicht im Osten zu sehen und schon gar nicht in Dresden. \u00dcber Beziehungen, die brauchte man damals genau so wie heute, kam ich an zwei Aufkleber heran. Ihr erinnert euch vielleicht, es war ein wei\u00df, rotes Rechteck, oben wei\u00df, unten rot, mit einem roten Hut auf dem wei\u00dfen Balken. Der Schriftzug in schwarz war in den wei\u00dfen Balken eingelassen. \u201eLET\u2019S GO WEST\u201c. Was war zu tun. Richtig, der Tank musste in umgedrehter Form lackiert werden. Nun ist das zu jener Zeit nicht so gewesen, dass an einer Ecke ein Laden gestanden h\u00e4tte mit der Aufschrift \u201ehier lackieren m\u00f6glich\u201c. Lackierer waren damals gefragte Leute und wieder einmal musste das Beziehungsspiel her halten. In diesem Falle war es der Vater meiner Freundin. Nach etwas Behahrlichkeit hatte ich dann alle Beteiligen soweit. Mein Moped erfuhr eine Rundumkur. Der Tank wurde oben rot und unten wei\u00df lackiert und dann wurden die Aufkleber perfekt auf den Schnitt geklebt. Was kam heraus: Ein sehr sch\u00f6nes Fahrzeug mit einer Botschaft, die 1982 einschlug wie eine Bombe. Ich selbst sah es als Provokation an, wollte ich doch eigentlich gar nicht das Land verlassen. Auf der Stra\u00dfe wurde ich noch nicht angesprochen.<\/p>\n<p>Als ich am darauf folgenden Montag zu meiner Lehre fuhr und das Moped abstellte, begann sofort die Nachricht die Runde zu machen.<\/p>\n<p><b>15 Minuten sp\u00e4ter sa\u00df ich beim Direktor der Lehranstalt<\/b>. Der Aufforderung den Aufkleber zu entfernen, kam ich nicht nach. Die Folge waren Beschimpfungen und Drohungen. Die Drohung, dass man Sorge tragen w\u00fcrde, mich meine Ausbildung nicht bestehen zu lassen, konnten die Herren aber im Verlauf der Zeit nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Im Gegensatz zu meinem ersten Erlebnis, blieb ich diesmal hart. Es ging mir nicht um die Aufkleber, sondern darum, dass ein jeder Mensch frei sein sollte und eine freie Meinung haben sollte. Der Aufkleber blieb dran und von diesem Tage an hatte ich ganz spezielle Freunde und Beobachter.<\/p>\n<p>Osterm\u00e4rsche:<\/p>\n<p>Oft entwickelten wir jungen Leute in vielen Diskussionen Visionen, wie eine Weltordnung aussehen sollte, ich war gepr\u00e4gt durch das System und wollte den Spruch \u201eLets\u2019s go West\u201c nicht als Aufforderung verstehen, das Land zu verlassen, sondern wir wollten das Land \u00e4ndern. Noch war ich in dem Glauben, die Zust\u00e4nde \u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Die Jugend verleiht einem Fl\u00fcgel und auch Einf\u00e4ltigkeit.<\/p>\n<p>Durch meine T\u00e4tigkeiten wurde ich n\u00e4her mit der Szene rund um die Kirche bekannt gemacht. Die Kirche stellte damals eine Anlaufstelle f\u00fcr den aufkeimenden Widerstand dar. In den Veranstaltungen versuchte nat\u00fcrlich auch die Kirche, mich auf die Seite Gottes zu ziehen. Aufgewachsen als Atheist \u201ewie die Schweine im Stall\u201c, nahm ich die Rebellion an, nicht aber den Glauben. Das Thema \u201eSchwerter zu Flugscharen\u201c griff immer mehr um sich. Die Osterm\u00e4rsche wurden im Westen Deutschlands immer st\u00e4rker, im Osten ist sehr wenig passiert. Die Organisation beschr\u00e4nkte sich am Anfang auf Symbole, welche an Autos und allen m\u00f6glichen Ger\u00e4te angebracht worden. Zum Beispiel ein St\u00fcck weisser Stoff irgendwo angebracht. Keine Aussage und trotzdem wusste jeder, worum es geht. Eine weitere Form war es, sich am Kulturpalast zu treffen, ohne etwas zu tun. Jeden Montag trafen wir uns da. Im Verlaufe des \u00c4lter werdens, formierte sich die Aktivit\u00e4t gegen den Staat unmerklich. Man kann nicht sagen, dass wir Widerstandsk\u00e4mpfer waren (viele behaupten das von sich heute), eher rutschte und schlidderte man da hinein. Glaubt mir, als ich sp\u00e4ter erfuhr, dass f\u00fcr die Menschen Internierungslager geplant waren, ich weiss nicht, ob ich so viel Mut gehabt h\u00e4tte mit diesem Wissen. Aber zur\u00fcck zu unseren Osterm\u00e4rschen. Die Aktivit\u00e4ten gingen weiter, wir wurden dreister. Bis zu einem Zeitpunkt in Berlin hatte ich noch nicht dar\u00fcber nachgedacht, das Land zu verlassen, es gipfelte alles in einer Demonstration am Alexanderplatz zu Ostern. Diesmal wurden nun auch Plakate angefertigt. Der Slogan \u201eWeg mit Pirshing und SS20\u201c ging um die Welt und sollte auch in Ostberlin seine Platz finden. Wir fuhren also nach Berlin und am n\u00e4chsten Morgen zum Alexanderplatz. Schon bei Aufgang aus der U-Bahn bekam ich ein seltsames Gef\u00fchl. Auf dem Platz angekommen, war mir klar, hier stimmt etwas nicht. Verd\u00e4chtig viele Herren mit immer den selben Anz\u00fcgen hingen da herum. Noch bevor ich reagieren konnte, stand ein Mann neben mir und forderte mich auf, mitzukommen. Die LKW\u2019s standen um die Ecke alle schon bereit. Noch bevor die Aktion starten konnte, war alles vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Jugend, Die Lehre Die Kollision mit der Macht, wieder mal: Wir gehen in das Jahr 1982 zur\u00fcck. Damals war ich leidenschaftlicher Mopedfahrer. Eine meiner Lieblingsbesch\u00e4ftigungen war es, am Freitag das Moped als F\u00f6n zu benutzen, bevor man zur Diskothek ging. Wir waren zu dieser Zeit jung und ausgelassen. Manchmal kam es zu Kollisionen mit den Erwachsenen, aber wer hat das nicht erlebt. Das ist normal im Reifeprozess eines Jugendlichen. Aus irgendeinem Grund gefielen mir die Farben rot und wei\u00df (sp\u00e4ter wird es rot und blau sein, dazu aber in einem anderen Kapitel.\u00a0Also begann ich mein Moped umzubauen. Eine Werbung fiel mir von einer Zigarettenmarke auf: \u201elet\u2019s go West\u201c. Diese war nat\u00fcrlich nicht im Osten zu sehen und schon gar nicht in Dresden. \u00dcber Beziehungen, die brauchte man damals genau so wie heute, kam ich an zwei Aufkleber heran. 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